Eine junge Frau schläft. Lässt sich daraus ein Buch machen? - Mein Jahr der Ruhe und Entspannung von Ottessa Moshfegh

Eine junge Frau Mitte zwanzig beschließt ein Jahr lang Auszeit zu nehmen, zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Ohne einen triftigen Grund, ohne einen richtigen Auslöser, ohne ein konkretes Ereignis verfällt sie in den „Winterschlaf“. Am Anfang war ich ziemlich skeptisch, ob sich mit diesem Setting einen lesenswerten Roman erschließen lässt, ob sich daraus ein Buch machen lässt? Und ich wurde im Gegenteil überzeugt. Denn, oh ja, uns was es sich für ein Buch daraus machen lässt! Auf einer genialen Weise schafft es Ottessa Moshfegh ein grandioses gesellschaftliches Bild der frühen 2000er-Jahren zu zeichnen.

Die Idee, dass ich mich in ein neues Leben schlafen könnte, war Wahnsinn. Absurd.

Die Protagonistin greift die Idee noch in ihrem Keim auf, entwickelt sie weiter, ambitioniert plant sie daraus ein Projekt und setzt dieses in die Verwirklichung um. 

Alles wird vorbereitet. Alle Kosten sind gedeckt. Alle Rechnungen für ein Jahr im Voraus bezahlt. Schon zum Anfang besorgt sie sich eine mittelmäßige, verantwortungslose und durchgeknallte Psychotherapeutin, die bereit willig Medikamente zum Schlafen verschreibt. Alles ist durchdacht. Ihr Ziel: ein neuer Mensch zu werden. Sie möchte nur schlafen, der Realität entfliehen, weg von der Wirklichkeit, vom Alltag. Sie schaut keine Nachrichten, liest keine Zeitschriften. Sie schirmt sich von der Dunkelheit der Gegenwart ab, die sich über uns ausbreitet.

Auf dieser Weise konnte ich der Welt fernbleiben, bis mein Jahr der Ruhe vorbei war. 

Fünf-sechs Monate nach Beginn des Projekts fangen die Blackouts an. Sie wandelt im Schlaf, tut Dinge, die sie sic nicht erklären kann. Ein Umdenken und Umplanen sind notwendig. In welchem Ausmaß? Geht am Ende alles gut aus? Das möchten wir an dieser Stelle nicht verraten. 

 

Dieser Roman ist ein Weckruf. Er schildert eine hohle und oberflächliche Gesellschaft, die uns zum Sklaven der Anforderungen der Zeit degradiert und uns zum Opfer des Konsums macht. Wir werden abgestempelt, Rollen werden uns vergeben, in die wir zu passen haben und denen wir nicht zu entfliehen erlaubt sind. Wir werden in Schubladen gesteckt. 

Das beste Beispiel ist die Erzählerin selbst. Sie kommt aus einer wohlhabenden Familie, wohnt in einem teuren Viertel. Sie hat gerade einen Abschluss an einer renommierten Universität gemacht und hat gleich danach einen guten Job in einer angesagten Kunstgalerie. Sie ist wunderschön und ist sich ihrer Schönheit und deren Wirkung bewusst. Sie weißt, wie sie sie einsetzt. Aber sie ist es leid, auf ihrer Schönheit herabgesetzt zu werden. 

Mein Äußeres machte mich zur Gefangene einer Welt, in der Aussehen mehr zählte als alles andere. 

Auch bei der Arbeit wird sie auf das Äußere heruntergebrochen, was abwegig ist, vor allem da ihre Chefin selbst eine Selbst-Made-Geschäftsfrau und Person of Colour ist. 

Eine junge Frau schläft. Lässt sich daraus ein Buch machen? - Mein Jahr der Ruhe und Entspannung von Ottessa Moshfegh

Ich war zum Angucken da. Hippie Deko. Ich war die Tussi, die am Eingang hinter dem Tresen saß und einen ignorierte, wenn man die Galerie betrat, die ernst dreinblickende Schöne am Empfang, die coole Avantgarde-Outfits zur Schau trug. 

Genau diese Geistlosigkeit der Gesellschaft und der Generation der Erzählerin werden vorgeführt. 

Wie wir darunter leiden und was sie aus uns macht, verkörpert die Freundin der Protagonistin Reva gezeigt. Sie ist die Einzige, die ab und zu vorbeischaut. Reva kommt aus nicht so gut statuierter Familie mit jüdischen Wurzeln. Sie verfällt den kritischen Blicken der Gesellschaft, möchte dazugehören und tut alles, was sie kann, um gut und modisch auszusehen, dem Schlankheitsideal zu entsprechen, erfolgreich zu sein, selbstbewusst zu wirken, Schritt zu halten. Dafür zahlt sie einen hohen Preis. 

Dass eine junge Frau der Welt, dem Alltag entfliehen möchte und zu den Abgründen ihres Inneren bereit ist zu gehen, dass sie so ein Risiko auf sich nimmt (Aufputschmittel, experimentelle Schlafmittel etc.) zeigt den Druck, den die Öffentlichkeit auf uns ausübt, perfekt zu sein, bei der Arbeit auf Hochtouren zu sein, immer bereit, mehr als 100% von uns zu geben, dass unser Aussehen perfekt sein soll wie Kate Moss, oder je nachdem welche Influencer gerade angesagt sind, dass wir trotz privater Verluste alles geben und uns keinen Platz für Trauer erlauben dürfen. Ist das nicht erschreckend? Unter all diesem Druck verlieren wir uns selbst. Wer wir sind. Wir verlieren den Bezug zu unserem Stammhalter. 

Auf jeden Fall empfehlen wir nicht dieses Projekt nachzueifern und nachzumachen!!! Aber die Filmtipps in diesem Buch sind durchaus empfehlenswert!

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